Kleine Kredite, große Aufgaben
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01-08-2011
„Meinen ersten Kredit habe ich aufgenommen, als ich 17 Jahre alt war. Mit dem Geld habe ich meine eigene Weberei aufgebaut“, sagt Miguel Angel Lopez. Er lebt in Santa Cruz del Quiché, im Hochland von Guatemala. Aus der Geschäftsidee eines Teenagers ist inzwischen ein stabiles Unternehmen geworden: Heute, acht Jahre später, beschäftigt der Familienvater sieben Angestellte und verkauft hochwertige Stoffe für die traditionelle Kleidung der Frauen.
Miguel Angel Lopez hatte Glück. Er erhielt einen Mikrokredit von ADISA (Asociación para el Desarrollo Integral de San Antonio Ilotenango), ein in der Region ansässiges Mikrofinanzinstitut, das durch Oikocredit finanziert wird. Auf die Frage, was er ohne den Kredit gemacht hätte, zuckt Miguel Angel Lopez die Schultern: „Die teuren Garne hätte ich mir nicht leisten können. Ich wäre wohl Tagelöhner auf dem Bau oder in der Landwirtschaft geworden.“
Finanzierung von Mikrofinanzinstituten durch Oikocredit
Kleinunternehmer in Guatemala haben kaum Möglichkeiten, an einen Kredit zu kommen. Denn auf dem Land und in den Armenvierteln der Städte sind Bankfilialen rar. Die Geldinstitute konzentrieren ihr Angebot auf große Unternehmen und die städtische Mittel- und Oberschicht. Mikrofinanzdienstleistungen machen nur knapp zwei Prozent ihrer Geschäftstätigkeiten aus. Das hat Folgen: Laut Studien hatten 68 Prozent der guatemaltekischen Bevölkerung 2009 keinen Zugang zu Sparkonten oder gar Krediten. Fehlende Sicherheiten, zum Beispiel Einkommensnachweise, unklare Besitztitel und informelle Gewerbestrukturen schrecken die Mehrzahl der Banken ab. Das Geschäft mit den Armen gilt als risikoreich und zu wenig profitabel.
Diese Lücke versuchen Mikrofinanzinstitute zu schließen. Ihr Unternehmensziel ist nicht Gewinnmaximierung, sondern die Förderung einer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Guatemalas. Ihr Angebot richtet sich speziell an arme Menschen, die im informellen Wirtschaftssektor arbeiten; in Guatemala ist das die Mehrheit der Bevölkerung. Diese Mikrofinanzinstitute bieten deshalb neben einer guten Beratung ihrer Kundinnen und Kunden oft auch zusätzliche Dienstleistungen wie Weiterbildungen oder soziale Programme. Und die Nachfrage ist hoch. Jhony Jerónimo Ajpop Tzompop, Geschäftsführer des Mikrofinanzinstitutes ADISA, erklärt: „Wir haben seit Jahren deutlich mehr Anfragen, als wir bedienen können.“
Oikocredit unterstützt solche Mikrofinanzinstitute u.a. in Guatemala, indem sie diese refinanziert. Dadurch können die Mikrofinanzinstitute wiederrum die Kredite bereitstellen. Aktuell finanziert Oikocredit 592 Mikrofinanzpartner weltweit.
Gruppen- oder Individualkredit?
Die Kredithöhe hängt vor allem von der Art des Kredits ab. Bei dem Solidarmodell der Gruppenkredite schließen sich (fast immer) Frauen zusammen, die gemeinsam einen Kredit beantragen. Auch das Mikrofinanzinstitut ADISA bietet Kredite für Solidargruppen an. Bevor die Frauen einen Kredit erhalten, besuchen sie zwei Schulungen. Sie lernen, wie das Modell funktioniert und welche Zinsen wann fällig werden. Außerdem berät sie der Kreditberater, wie sie den Kredit bei ihren Geschäften gewinnbringend verwenden können. Bei einem Besuch bei einer ADISA-Gruppe berichten die Frauen über ihre Erfahrungen. Eine erzählt, dass sie früher gemeinsam mit ihrem Mann eine kleine Weberei betrieb. Als ihr Mann starb, musste sie einen der beiden Webstühle verkaufen, um ihre Kinder ernähren zu können. Mit Hilfe des Kredits konnte sie zumindest den anderen Webstuhl behalten und dadurch weiter Geld verdienen. Eine andere Frau sagt, sie habe den Kredit genutzt, um ihren Verkaufsstand zu vergrößern. Allerdings sei es zu wenig Geld gewesen, das nächste Mal möchte sie einen höheren Betrag leihen, um noch weiter zu expandieren.
Bewährte Mitglieder von Solidargruppen, die größere Beträge leihen möchten oder Handwerker, die expandieren wollen, beantragen Individualkredite. Diese sind in der Regel höher und haben längere Laufzeiten. Auch bei den Individualkrediten ist eine intensive Beratung wichtig.
Die soziale Wirksamkeit messen
Eine engmaschige Betreuung und Beratung der Kundinnen und Kunden ist vielfach der Schlüssel dafür, dass sich diese nach und nach aus der Armut herausarbeiten. Für kleine Organisationen ist das in der Regel kein Problem. Bei einem wachsenden Kundenstamm wird jedoch eine systematische Kontrolle der sozialen Wirksamkeit zunehmend notwendig.
Die Frage nach der sozialen Wirksamkeit und das Thema Kundenschutz treibt die Branche weltweit um. Heute können Mikrofinanzinstitute auf eine Reihe von Instrumenten zurückgreifen. Das sind zum Beispiel Indikatoren, die die sozialen Auswirkungen für die Kundinnen messen. Solche Kennzahlen werden inzwischen auch immer häufiger von sozial orientierten Investoren verlangt. Ein anderes Verfahren ist der Progress Out of Poverty Index, mit dessen Hilfe Kunden über Jahre hinweg zu ihrer wirtschaftlichen Situation befragt werden. Diese und weitere Instrumente befinden sich bei vielen Mikrofinanzinstituten in Guatemala in der Einführungs- und Erprobungsphase. Hier erfahren Sie mehr zum Thema Social Performance Management.
Eine Branche in Entwicklung – auch in Guatemala
Im Prinzip steckt die gesamte Mikrofinanzbranche selbst noch in der Entwicklung. Das ist auch der Grund dafür, dass für die Mehrzahl der Anbieter in Guatemala bislang ein rechtlicher Rahmen fehlt. Dabei ist Anbieter nicht gleich Anbieter. Es lassen sich drei Organisationsformen unterscheiden: Spar- und Kreditgenossenschaften, Banken und Nichtregierungsorganisationen (NRO). Anders als die Banken unterliegen die NRO und Spar- und Kreditgenossenschaften keiner gesetzlichen Regulierung. Das hat Folgen: Zum einen dürfen sie eine Reihe von Services, wie Versicherungen oder Zahlungsverkehr mit dem Ausland, nicht anbieten. Zum anderen haben die Genossenschaften und NRO keinen Zugang zur Refinanzierung über die Zentralbank. Vor allem die NRO, die in der Regel nur Kredite anbieten, sind deshalb auf externe Investoren angewiesen.
Ein weiteres Hindernis ist das unvollständige Netz von Kreditbüros, die – wie die deutsche Schufa – Auskunft über die Kreditwürdigkeit potenzieller Kunden geben. Wer bereits Schulden hat, erhält von seiner Bank keinen neuen Kredit. Dieses System hilft, der Überschuldung vorzubeugen. In Guatemala fehlt eine entsprechende nationale Einrichtung. Die meisten Mikrofinanzinstitutionen sind Mitglied in regionalen Netzen, die diesen Auskunftsservice anbieten. Einige Institutionen scheuen allerdings die Kosten, die für die Dienste eines Kreditbüros bezahlt werden müssen. So wird es möglich, dass Kunden mehrere Kredite bei verschiedenen Mikrofinanzinstituten aufnehmen, ohne die gesamte Höhe ihrer Schulden anzugeben. In solchen Fällen besteht eine reale Gefahr der Überschuldung.
Investoren in der Verantwortung
Fredy Saquiché, langjähriger Mitarbeiter im Länderbüro von Oikocredit, einem der größten privaten Investoren für Entwicklungsfinanzierung, sieht die Situation jedoch gelassen. „Überschuldung durch Mehrfachkredite sind hierzulande Einzelfälle. Über die regionalen Netzwerke und eine gute Betreuung haben unsere Partnerorganisationen die Thematik im Auge.“ Ein nationales Netzwerk mit lückenloser Überprüfung hält er dennoch für wichtig, auch wenn es bislang in Guatemala zwischen den Anbietern wenig Konkurrenz gibt.
„Das könnte sich bei einem Wachstum im Mikrofinanzbereich ändern und manche Organisation dazu verführen, bei der Kreditvergabe weniger genau hinzusehen. Dem wollen wir vorbeugen. Wir verpflichten unsere Mikrofinanz-Partner deshalb zu Prinzipien des Kundenschutzes und der Transparenz. Bestandteil der neuen Darlehensverträge ist außerdem eine obligatorische Berichterstattung über die soziale Wirkung.“ Oikocredit steht mit dieser Haltung nicht alleine. Im Januar 2011 haben 40 soziale Investoren die UN-Richtlinien für „Inclusive Finance“ unterzeichnet. Damit verpflichten sich die Investoren zur fairen Behandlung und zum Schutz der Kunden.
Die Kundinnen und Kunden selber wissen in der Regel nichts von ausländischen Investoren oder internationalen Richtlinien. Für sie zählt vor allem eins: ein unkomplizierter Zugang zu Krediten, begleitet von einer guten Beratung, damit sie ihr Geschäft erfolgreich auf- oder ausbauen können. Noch hat die Mehrzahl der Guatemalteken keinen Zugang zu finanziellen Dienstleistungen. Für die Mikrofinanzanbieter bleibt also noch viel zu tun.
Bericht: Ulrike Lohr, Mitarbeiterin Oikocredit
Fotos: Tom Bamber
Quelle: Mikrofinanzwiki - Mikrofinanzprojekt des Monats



