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Stellungnahme von Hartwig Kirner, GF FAIRTRADE Österreich, zum Weltjournal vom 11.1.2012


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12-01-2012

Ich bin sehr enttäuscht vom Weltjournal Bericht. Nicht deshalb, weil er kritische Fragen aufgeworfen hat, denn der faire Handel ist kein Dogma und muss ständig hinterfragt und weiterentwickelt werden. Ich habe aber die Ausgewogenheit in der Berichterstattung vermisst, für die ich das Weltjournal schätze. 

Am Beispiel der Blumenfarm in Tanzania: Der Redakteur hätte auch berichten können, dass nur die Fairtrade-Farm ihre Tore für das Kamerateam geöffnet hat, er völlig freien Zugang hatte und ohne jede Einschränkung mit ArbeiterInnen sprechen konnte. Mehr Transparenz geht nicht. Die Tore konventioneller Farmen blieben verschlossen. Er hätte auch erwähnen können, dass die Farm erst seit kurzem Fairtrade-zertifiziert ist (weshalb naturgemäß noch keine großen Projekte realisiert werden konnten) und die Bezahlung von Überstunden in diesem Teil der Welt keine Selbstverständlichkeit darstellt, genauso wenig wie das Mittagessen für die ArbeiterInnen, sowie der erweiterte Mutterschutz.

Der Eigentümer der Farm hat keinen Zugriff auf die Prämiengelder, die Verwaltung und die Entscheidung über die Verwendung liegt beim von den ArbeiterInnen demokratisch gewählten „Joint Body“. Die Fairtrade-Prämie wird auf dieser Farm primär in Schulbildung investiert - für Kinder, aber auch für Erwachsene. Ich war selber vor wenigen Monaten dort und habe gesehen, was der faire Handel zum Besseren ändern kann. Auf der Nachbarfarm, die bereits seit längerer Zeit Fairtrade-zertifiziert ist, sind mittlerweile genug Prämien angefallen um mehrere Schulen, ein Internat, eine Geburtenklinik, sowie die Wasserversorgung für 20.000 Menschen zu errichten. KonsumentInnen, aber auch Händler, die Fairtrade Rosen von den beiden Farmen verkauft haben, haben diese Projekte ermöglicht.

Pioniere des fairen Handels haben gezeigt, dass Änderungen möglich sind. Weltläden und alternative Handelsorganisationen sind wichtige Säulen des fairen Handels und decken einen Teil des Marktes ab. Als ich vor mehr als 20 Jahren in meiner Heimatstadt einen Weltladen mit gegründet habe, war es der Traum der Fair-Handels-Bewegung, dass es gelingt große Hersteller zum Umstieg zu bewegen. Uns war immer bewusst, dass große Änderungen nur dadurch zu bewerkstelligen sind, dass große Mengen umgestellt werden. Mittlerweile ist das in manchen Produktgruppen gelungen.

Bei Bananen beispielsweise haben die Umstellungen großer Handelsketten zu einem beginnenden Umdenken bei traditionellen Bananenfirmen geführt. In der Blumenbranche ebenso – der Manager der Blumenfarm spricht das im Beitrag sogar an: Ohne Umstellung auf Fairtrade-Zertifizierung wären ihre Marktchancen viel geringer, daher wurden die Produktionsbedingungen umgestellt. Wenn das kein Beweis ist, dass fairer Handel etwas bewegen kann. 
Den bei der Ananas-Plantage Finca Corsicana angesprochenen Verstößen gegen Fairtrade-Standards wie Diskriminierung von ArbeiterInnen und von Gewerkschaftsmitgliedern im Speziellen sowie die Beeinflussung der Interviews mit ArbeiterInnen im Rahmen der FLO-Cert Audits wurde nachgegangen. Im September 2011 konnten die Vorwürfe im Zuge eines unangekündigten Kontrollbesuches nicht bestätigt werden. Die Aussage, dass die Interviews mit den Arbeitern bei den Audits immer in Gegenwart eines Managers des Unternehmens durchgeführt werden, wurde widerlegt. Der Auditor wurde lediglich von einem Angestellten mit dem Auto zu den Arbeitern auf der Plantage gefahren. Sämtliche Interviews haben unter vier Augen stattgefunden.

Bei derartig gravierenden Vorwürfen, erwartet man von Qualitätsjournalismus, dass den Betroffenen vor Ausstrahlung Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben wird. Das ist nicht geschehen.

Fairtrade ist nicht unfehlbar. Worauf sich KonsumentInnen aber verlassen können ist, dass Missstände nicht akzeptiert und unter den Teppich gekehrt werden. In einem System, in dem 1,5 Millionen Bauernfamilien und ArbeiterInnen organisiert sind, kommt es naturgemäß gelegentlich zu Problemen. Sei es, weil Einzelne sich nicht an die Regeln halten, oder weil auf großen Farmen nicht alle Menschen gut über den fairen Handel informiert sind. Fairtrade will auch nicht nur in Bereichen tätig sein, die bereits gut funktionieren. Wenn man grobe Missstände beheben will, darf man keine Angst haben sich die Hände schmutzig zu machen. Die Audits durch FLO-Cert gehören zu den solidesten, die es derzeit gibt. Dabei werden gelegentlich Verstöße gegen Standards entdeckt. Als letzte Konsequenz wird bei fortgesetzten Verstößen gegen die Standards die Zertifizierung entzogen.
Unser Ziel ist es aber nicht, Kooperativen oder Farmen sofort aus dem System zu werfen. Denn dadurch würde sich gar nichts ändern. Unser Ziel ist es, dass eine Lösung gefunden wird und sich die Situation der betroffenen Menschen verbessert. 

Auch ich wünsche mir, dass die Welt in der wir leben, eine bessere und gerechtere wäre. Wir müssen uns beständig dafür einsetzen, dass ein zutiefst ungerechtes Wirtschaftssystem sich ändert. Zu erwarten, dass sich die Weltwirtschaft von heute auf morgen grundlegend ändert, ist jedoch schlichtweg unrealistisch.

In dieser Situation den fairen Handel für unfaire Handelshemmnisse verantwortlich zu machen ist, als ob man nach einem Autounfall einen Passanten, der versucht erste Hilfe zu leisten, dafür beschimpft, dass er den Unfall nicht verhindert hat. 

Auch wenn der faire Handel nicht in der Lage ist alle Probleme der Welt zu lösen, so ist er ein Schritt in die richtige Richtung. Er ist vor allem ein konkretes Signal, dass Änderungen im Wirtschaftssystem möglich sind.

Hartwig Kirner

 

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