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Interview mit Tor Gull und Rosalind Copisarow

 

06-07-2011

Anfang des Monats verabschiedete sich Oikocredit von seinem Geschäftsführer Tor G Gull, der das Amt 10 Jahre lang innehatte. Er übergab das Steuer an Rosalind Copisarow. Tor Gull und Rosalind Copisarow trafen sich zu einem Gedankenaustausch über ihre Erfahrungen und Einsichten, über die Zukunft von Oikocredit und der Entwicklungsfinanzierung im allgemeinen.

Rosalind Copisarow (RC): Was warendie grössten Veränderungen, die Sie in den letzten zehn Jahren im Bereich derMikrofinanzierung und des sozialen Investments miterlebt haben?


Tor G Gull (TG): Überwältigend war für mich der enorme Zuwachs anBekanntheit, Interesse und Investitionen, den die Mikrofinanzbranche erfahrenhat. Vor 10 Jahren wussten nur wenige Leute, was „Mikrofinanz“ ist. Heute hatfast jeder schon davon gehört und weiss ungefähr, was es bedeutet. FürOikocredit war die Mikrofinanz der Bereich, in dem wir am meisten gewachsensind. Vor einigen Jahren war die Nachfrage so gross, dass wir nicht alleAnfragen berücksichtigen konnten. In dieser Phase stiegen dann eine Reihe reinkommerzieller Investoren in die Mikrofinanz ein, was Veränderungen am Marktbewirkte und dazu führte, dass das Image der Mikrofinanz-Branche sichverschlechterte. Die Beweggründe der Branche wurden dadurch eher negativeingeschätzt. Trotzdem glaube ich, dass die Mikrofinanzierung sich einenfesten Platz erobert hat. Es besteht kein Zweifel daran, dass dank derMikrofinanz Millionen von Menschen den Weg aus der Armut gefunden haben,besonders während der letzten 6-7 Jahre.

 

RC: Über was haben Sie sich währendIhrer Zeit als Geschäftsführer von Oikocredit am meisten gefreut?


TG: Am schönsten war es, Menschen zu treffen, die Oikocredit dafür dankbarwaren, dass diese Organisation an sie glaubte und Ihnen die Möglichkeit gab,ihr Leben zu verändern. Während meiner Reisen habe ich immer wieder erfahren,dass Oikocredit bei zahlreichen Menschen, Projekten und kleinen Unternehmen durcheinen Kredit oder zusätzliches Kapital enorm viel bewegen konnte. Oikocredithat so indirekt Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten für Menschengeschaffen, die ansonsten wenig oder keine Chancen gehabt hätten, aus derArmutsfalle zu entkommen.

 

RC: Welchen Rat würden sie dem neuenGeschäftsführer eines sozialen Investors wie Oikocredit geben?


Der wichtigste Rat ist, immer sich selbst treu zu bleiben, seineErfahrungen und seine Persönlichkeit bei der täglichen Arbeit einfliessen zulassen. Zweitens halte ich es für wichtig, sich auf das zu konzentrieren, waswir bei Oikocredit am besten können: Kredite für unsere Zielgruppen in denSchwerpunktländern zur Verfügung zu stellen. Drittens, Oikocredit muss seineStärke, die dezentralisierte Struktur, nutzen, und zwar sowohl auf Seiten derGeldgeber als auch auf Seiten der Kreditvergabe. Wenn wir weiter Aufgabenbereicheund Verantwortung und, damit einhergehend, auch die Pflicht zur Rechenschaft,an unsere Mitarbeiter delegieren – dann können wir weiter wachsen, werden als Entwicklungsorganisationbesser wahrgenommen und können so einen größeren Einfluss auf die weltweiteEntwicklungsagenda nehmen.

 

 

TG: Sie haben Erfahrung mit derganzen Bandbreite des Finanzspektrums von den Spitzenpapieren der Börse bis hinzu den jungen Mikrofinanzinstituten. Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigsteBeitrag, den die Mikrofinanz zur weltweiten Entwicklung geleistet hat?


RC: Die Mikrofinanz bietet einen methodischen Ansatz, um mehr als einerMilliarde Menschen, die als nicht kreditwürdig angesehen wurden, Zugang zuFinanzdienstleistungen zu ermöglichen. Diese finanzielle Unterstützung kannihnen über die schwierigsten Phasen hinweghelfen oder sie auch dazu befähigen,Aktivitäten zu entwickeln, die ihnen ein eigenens Einkommen ermöglichen, wasanderenfalls undenkbar wäre. Der Zugang zu Finanzdienstleistungen kann auchdazu beitragen, dass arme Menschen sich Rücklagen schaffen und es ihnen möglichwird, an der Entwicklung grösserer Projekte und Einrichtungen mitzuwirken, dieihrer ganzen Gemeinschaft zugute kommen. Insbesondere wenn die Mikrofinanz zusammenmit anderen Werkzeugen der Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt wird, kann sieein hervorragendes Instrument sein, um den komplexen Problemen zu begegnen,denen sich die Ärmsten der Armen gegenübersehen.

 

TG: Was genau hat sie dazu bewegt,sich auf die Stelle als Geschäftsführerin bei Oikocredit zu bewerben?


RC: Da würde ich drei der bedeutendsten Eigenschaften von Oikocredithervorheben. Erstens, die Integrität von Oikocredit, ihre Position sowohl beider Geschäftspolitik als auch im operationellen Bereich geradlinigbeizubehalten. Zweitens, die starke Bindung und das grosse Engagement allerInvestoren und Mitglieder, die einen breiten Querschnitt allerGesellschaftsschichten repräsentieren. Drittens, das breit angelegte Mandat vonOikocredit, das über die Mikrofinanz – und jede nur einseitige Form vonUnterstützung – hinausgeht, um effektive finanzielle Dienstleistungen für dieArmen bereitzustellen und deren Kompetenzaufbau zu fördern.

 

TG: Wie stellen Sie sich die Zukunftder Entwicklungsfinanzierung vor? Wie kann sie auch weiterhin zur Förderung desWohlergehens von Menschen beitragen, die unterhalb der Armutsgrenze leben?


RC: Ich glaube, dass die Strukturen der Entwicklungsfinanzierung sich künftigviel enger an den Kunden orientieren müssen, um wirklich effektiv zu sein.Höhere Standards und hoch spezialisiertes Fachwissen sind gefordert. Die Art und Weise, wie Kreditzinssätze oder Kapitalrenditen festgesetztwerden, wird sich ändern müssen: Weg von der derzeitig eherangebotsorientierten Ausrichtung, hin zu einem mehr am Kunden und amPreis-Leistungsverhältnis orientierten Ansatz. Ich gehe davon aus, dass dieBedeutung der Entwicklungsfinanzierung zunimmt, denn der Prozentsatz derMenschen, die diese Dienstleistungen benötigen, wächst ebenfalls. Bei derkünftigen Gestaltung des Entwicklungsfinanzierungs-Sektors hat Oikocredit einenwichtigen Beitrag zu leisten, zum Wohle der Kundinnen und Kunden.

 

 

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