Stellungnahme zum Feature "Ein Märchen aus Bangladesch"
21-07-2010
In seinem Beitrag „Ein Märchen aus Bangladesch", den der Deutschlandfunk am 20. Juli 2010 ausgestrahlt hat, befasst sich Gerhard Klas sehr kritisch mit der Vergabe von Mikrokrediten in Bangladesch.Oikocredit Deutschland möchte zu einigen Punkten des Beitrags Stellung nehmen.
Der Beitrag von Gerhard Klas lässt leider die Ausgewogenheit vermissen, die beispielsweise eine Forschergruppe des Massachusetts Institute of Technology in einem jüngst veröffentlichten Papier an den Tag legt: „Mikrokredite mögen nicht das ‚Wundermittel' sein als das sie manchmal gepriesen werden, aber sie ermöglichen es den Empfängern, Geld zu leihen, zu investieren, Unternehmen zu gründen und auszubauen" (Banerjee u.a. 2009, S. 21; unsere Übersetzung).
Wir finden es gut, dass Gerhard Klas deutlich auf das Problem der Überschuldung von Kreditnehmerinnen hinweist. Das Problem besteht in der Tat vielerorts. Der Beitrag lässt allerdings unerwähnt, dass viele Mikrofinanzinstitutionen diese Problematik erkannt haben und Maßnahmen ergreifen. Oikocredit, einer der weltweit größten privaten Refinanziers im Mikrofinanzbereich, hat dazu bereits im November 2009 Strategien beschlossen und wirkt auf ein konzertiertes Vorgehen zur Vermeidung von Überschuldung im Mikrofinanzsektor hin.
Den mehrfach erwähnten „sozialen Druck", der bei Gruppenkrediten zweifellos eine Rolle spielt, stellt Gerhard Klas einseitig negativ dar. Unsere Erfahrung zeigt, dass Gruppenkredite auch positive Auswirkungen haben. Sie stiften oftmals Solidarität und ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein der Gruppenmitglieder.
Der Beitrag berichtet über Kreditnehmerinnen, die ihre Darlehen nicht zurück zahlen konnten und infolgedessen Opfer von Bedrohung und Beschimpfung wurden. Solche Praktiken lehnt Oikocredit ab. Daraus einen Generalverdacht aller Mikrofinanzinstitutionen abzuleiten, hielten wir jedoch für falsch. Es kommt vielmehr darauf an, in dem vergleichsweise jungen Sektor verbindliche Standards eines fairen Umgangs zu etablieren. Bestrebungen in diese Richtung, die Oikocredit schon seit längerem unternimmt, lässt der Beitrag leider unerwähnt.
Der Eindruck der Einseitigkeit entsteht nicht zuletzt, weil Gerhard Klas zwar Wissenschaftler zu Wort kommen lässt, die Mikrokredite kritisieren, aber wissenschaftliche Studien nicht erwähnt, die positive Effekte der Kreditvergabe empirisch nachweisen. So hat etwa Shahidur R. Khandker bereits 2005 für Bangladesch festgestellt, dass „der Zugang zu Mikrokrediten zur Armutsreduktion - insbesondere der Kreditnehmerinnen aber auch der beteiligten Dorfgemeinschaften - beiträgt. Mikrofinanz hilft also nicht nur den armen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sondern auch der lokalen Wirtschaft" (Khandker 2005, 1; unsere Übersetzung).
Es steht außer Frage, dass Mikrokredite - wie jedes von Menschen entwickelte Instrument - mit Problemen behaftet sind. Dass ein Beitrag des Deutschlandfunks diese betont, positive Aspekte aber kaum erwähnt, erscheint Oikocredit unangemessen. Die vom Autor als „Lösung" nahegelegte spendenfinanzierte Organisation stellt aus Sicht von Oikocredit keine nachhaltige Alternative zu einer verantwortungsvoll gehandhabten Vergabe von Mikrokrediten dar.
Oikocredit ist nach wie vor davon überzeugt, dass Mikrokredite ein wirksames Instrument der Entwicklungszusammenarbeit sind und bemüht sich um eine stetige Verbesserung dieses Instruments.
Dr. Florian Grohs
Matthias Lehnert
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