Risiken bei Oikocredit? Ein Anleger macht sich Gedanken
06-10-2011
In den vergangenen Wochen bekam Oikocredit einige Anfragen von AnlegerInnen, die erfahren wollten, ob Oikocredit betroffen ist von der aktuellen Situation an den Finanzmärkten. In den Medien war von einem Sommercrash, steigenden Staatsverschuldungen und Angst vor einer steigenden Inflation zu lesen. Oikocredit-Anleger Thomas Michalski hat sich einige Gedanken darüber gemacht, was dies für eine Geldanlage bei Oikocredit bedeutet.
Gibt es Risiken für Oikocredit durch die Finanzkrise? Wie geht Oikocredit mit Risiken um?
Von Thomas Michalski

Die aktuelle Finanzkrise mit abstürzen- den Börsenkursen, ausufernder Staats- verschuldung und Angstvor einer neuen weltweiten Rezession verunsichert viele Anleger. Die Frage liegt nahe, in welchem Umfang Oikocredit davon betroffen istund wie sicher das Geld ist, das Oikocredit für die Entwicklungs- förderung anvertraut wurde.
Niemand kann ehrlicherweise eine absolute Garantie geben oder alle zukünftigen Entwicklungen verlässlich vorhersagen. Sollte es eine weitere größere Wirtschaftskrise geben, wird diese auch an Oikocredit, seinen Projektpartnern und den Empfängern von Mikrokrediten nicht spurlos vorbeigehen.
Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie sich Oikocredit durch seine Zielsetzung und sein „Geschäftsmodell“ grundsätz- lich von den meisten anderen Institu- tionen im Finanzmarkt unterscheidet. Struktur und Arbeitsweise von Oikocredit sind durch Prinzipien bestimmt, die eine hohe Stabilität auch und gerade in wirtschaftlichen und finanziellen Turbulenzen sicherstellen. In der 35-jährigen Geschichte hat Oikocredit dies vielfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt, so in der lateinamerikanischen Schuldenkrise in den 1980er Jahren, in der Asienkrise 1997 und auch in der letzten Finanzkrise 2008.
Oikocredit will „in Menschen investieren“, d.h. eine hohe „soziale Wirksamkeit“ und eine dauerhafte faire Zusammenarbeit mit seinen Projektpartnern erreichen. Durch die Vergabe von fairen Krediten und nicht von „Almosen“ fordert Oikocredit die Mitverantwortung der Partner ein und sichert die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Projekte.
Projektpartner und Empfänger der Kredite sind dabei nicht Einzelpersonen, sondern Mikrofinanzorganisationen und kleine und mittlere Unternehmen, von deren Stabilität und sozialer Orientierung sich Oikocredit überzeugt hat. Überwiegend handelt es sich dabei um Genossenschaften und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs).
Dabei erwartet Oikocredit keine hohen Gewinne, sondern nur einen angemessenen Ertrag, der neben der moderaten Dividende eine angemessene Rücklagenbildung zur nachhaltigen Absicherung der Arbeit sicherstellt.
Aus diesen Zielen ergibt sich für Oikocredit eine besondere Herausforderung im Umgang mit Risiken.Viele Akteure am Finanzmarkt versuchen durch Übernahme von (hohen) Risiken (hohe) Gewinne zu erzielen. Für Oikocredit sind alle spekulativen Geldgeschäfte prinzipiell ausgeschlossen.
Die Arbeit von Oikocredit ist natürlich nicht frei von Risiken. Gerade Investitionen in Entwicklungsländern sind durch wirtschaftliche und politische Instabilität und Währungsschwankungen gefährdet. Auch verfügen die Projektpartner nach banküblichen Bewertungsmaßstäben in der Regel nicht übereine hohe Bonität und entsprechende Sicherheiten. Risken zu erkennen, zu vermeiden,einzugrenzen und auszugleichen ist deshalb ein zentraler Punkt der Arbeit von Oikocredit – geradezu eine Kernkompetenz.
Die wichtigsten Prinzipien und Strategien dazu sollen hier erläutert werden:
- Die Genossenschaft als „wetterfeste“ Unternehmensform
Oikocredit ist keine „Bank“. Banken leben im Kreditgeschäft davon, dass sie sich Geld leihen und in anderen Beträgen und teilweise mit anderen Fristen wieder verleihen, um dafür höhere Zinsen zu nehmen. Dabei setzen die Banken in der Regel nur in minimalem Umfang eigenes Geld ein. Die Eigenkapitalquote liegt bei 5-10%. So kann bei guter Geschäftslage ein hoher Gewinn entstehen, bei kritischer Geschäftslage aber schnell massive Verluste. Ein Verlust von 10% der ausgeliehenen Kredite kann eine Bank ruinieren! Nicht umsonst gibt es eine intensive politische Diskussion um die Eigenkapital- ausstattung der Banken nach den Bankenkrisen der letzten Jahre!
Oikocredit ist eine Genossenschaft, die sich durch gezeichnete Anteile der Anleger also praktisch ausschließlich durch Eigenkapital finanziert und nicht auf Bankkredite angewiesen ist. Die hohe Eigenkapitalquote von 84% macht unabhängig von den Schwankungen an den Kapitalmärkten und ermöglicht es, im Notfall auch Verluste zu verkraften. Das war glücklicherweise noch nie erforderlich.
Die genossenschaftliche Rechtsform bedeutet auch, dass alle finanziellen Aktivitäten bis hin zur Kreditvergabe an einzelne Partner vollständig transparent sind. Alle wichtigen Entscheidungen unterliegen einer demokratischen Kontrolle. Eine gute Gewähr für dauerhafte Arbeit im Sinne der Ziele, der finanziellen Stabilität und der Risikovermeidung!
Oikocredit ist vor Ort, kennt seine Kunden und sucht eine faire Partnerschaft
Die sorgfältige Auswahl der Projektpartner nach klaren Kriterien und die laufende Begleitung und Unterstützung hat bei Oikocredit höchste Priorität. Nur dadurch können die Kredite so vergeben werden, dass sowohl die soziale Wirksamkeit als auch die Sicherheit und Rückzahlung der Kredite gewährleistet sind. Oikocredit hat hier eine hohe Kompetenz und treibt einen erheblichen Aufwand durch Mitarbeiter vor Ort in 36 Länderbüros und Unterstützung durch die Zentrale. Erfolgreiche Projektpartner und eine dauerhaft sehr geringe Rate von Kreditausfällen zeigen, dass sich dieser Aufwand auszahlt.
Eine Auswahl der Mikrofinanz-Partner nach Kriterien der sozialen Wirksamkeit und der Professionalität des Partners steht dabei nicht im Widerspruch zur Risikoreduzierung für den vergebenen Kredit. Beide Kriterien ergänzen sich. Gerade die soziale Wirksamkeit, d.h. die Verbesserung der Situation des Kreditnehmers, sichert ja die Rückzahlung des Kredites.Oikocredit streut das Risiko über viele Länder und viele Partner
Die weltweite Tätigkeit von Oikocredit in über 70 Ländern bringt eine breite Streuung des Risikos! Bei allen Herausforderungen in den Entwicklungsländern gibt es dort – nicht zuletzt durch die Beiträge von Oikocredit – auch eine Reihe von positiven Entwicklungen. Die Staatsverschuldung entwickelt sich in einigen fortgeschrittenen Entwicklungsländern und Schwellenländern deutlich besser als in den Industrieländern.
Oikocredit finanziert über 850 Projektpartner, deren Schwerpunkte über unterschiedliche Regionen und Branchen verteilt sind. Zur Risikoreduzierung ist die Kreditsumme pro Projekt auf maximal 1% des Kapitals beschränkt.- Oikocredit begrenzt die Währungsrisiken – auch für seine Partner
Ein Kredit in Euro oder Dollar ist für einen Projektpartner, der in Landeswährung rechnet, sehr riskant, da sich beim Verfall der lokalen Währung die Rückzahlung extrem erhöhen kann.
Die Projektpartner von Oikocredit können in der Regel diese Währungsrisiken nicht tragen. Deshalb stellt Oikocredit fast die Hälfte aller Kredite in Landeswährung zur Verfügung und übernimmt das Währungsrisiko als Dienstleistung für den Partner. Oikocredit lässt sich dabei nicht auf Währungsspekulationen ein, sondern sucht eine bestmögliche Absicherung. Dazu wurde unter anderem ein sogenannter „Lokalwährungsrisikofonds“ gebildet, der aus Rücklagen und Spenden refinanziert wird.
Oikocredit achtet auf Liquidität und finanzielle Unabhängigkeit
Die Zeitpunkte, zu dem neues Geld von Anlegern bei Oikocredit eingeht, an dem ein Kredit bewilligt und anschließend ausgezahlt wird, weichen zwangsläufig voneinander ab. Deshalb ist eine „Zwischenanlage“ erforderlich, bevor die Mittel an die Projektpartner fließen. Oikocredit nutzt dazu festverzinsliche Wertpapiere mit hoher Bonität, die bei Bedarf auch kurzfristig verkauft werden können. Ca. 20% des Vermögens von Oikocredit sind in dieser Form angelegt und bilden gleichzeitig eine „Sicherheitsreserve“, wenn kurzfristig flüssige Mittel benötigt werden. So ist die Liquidität von Oikocredit immer sichergestellt. Ein wichtiger Sicherheitsfaktor.
Oikocredit hat nicht nur die letzte Finanzkrise unbeschadet überstanden, sondern in den letzten 20 Jahren in jedem Jahr schwarze Zahlen geschrieben und auch die zugesagte Dividende von 2% gezahlt. Einzige Ausnahme waren die Jahre1998 und 1999 nach der Asienkrise, in denen nur 1% Dividende gezahlt wurde.
Diese Erfolgsstory ist kein glücklicher Zufall, sondern Ergebnis der konsequenten Umsetzung und Weiterentwicklung des einzigartigen Geschäftsprinzips. Oikocreditgibt damit ein Beispiel dafür, dass die Interessen eines Anlegersnach Sicherheit nicht mit sozialen Zielen im Widerspruch stehen müssen!
In einer Zeit, in der finanzielle Zusagen von Banken und sogar von Staaten immer mehr relativiert werden müssen, ist vielleicht diese „Prinzipientreue“ bezogenauf soziale Wirksamkeit, Partnerschaft und fairen Umgang mit Geldgeschäften viel mehr wert als eine formale Garantie.
Gerade jetzt kann man also die Arbeitvon Oikocredit mit Vertrauen und Zuversicht unterstützen.
Thomas Michalski ist Mitglied im Oikocredit Förderkreis Niedersachsen-Bremen.

