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Mikrofinanz: Fokus auf das Soziale


22-11-2011

Veranstaltung mit Nobelpreisträger Muhammad Yunus

Frankfurt, Ende Oktober 2011, hoher Besuch bei der Frankfurt School of Finance & Management: Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und Gründer der Grameen Bank, war gekommen, um über die aktuelle Situation im Mikrofinanzbereich zu sprechen. 

Yunus folgte damit einer Einladung der Mikrofinanzplattform Deutschland. Als Mitglied der Plattform war Oikocredit einer der Hauptorganisatoren der Veranstaltung, die auf großes öffentliches Interesse stieß. Oikocredit kooperiert nicht mit der Grameen Bank, Yunus und Oikocredit verstehen sich jedoch als langjährige Weggefährten in Sachen Mikrofinanz.

 

 

 

 

 

 

 




 

Dr. Florian Grohs (Oikocredit) und Muhammad Yunus in Frankfurt

Er komme immer gerne nach Deutschland, sagte Muhammad Yunus, und das war mehr als ein Kompliment an die Gastgeber: „Deutschland war das erste Land, das die Grameen Bank unterstützt hat. Nicht nur finanziell, sondern auch – und das war entscheidender – politisch. Für uns war es sehr wichtig, dadurch internationale Anerkennung zu bekommen, denn zunächst gab es gegenüber der Mikrokredit-Idee viel Skepsis und Widerstand.“

Inzwischen hat sich die Idee durchgesetzt. Allein die Grameen Bank ist in fast jedem Dorf in Bangladesch aktiv und hat 8,5 Millionen KundInnen. Pro Monat vergibt sie Darlehen über (umgerechnet) 125 Millionen US-Dollar. 

Das Geld stammt zum Teil aus Einlagen von finanzkräftigen Personen oder Institutionen, aber mehr als die Hälfte des Grameen-Kapitals, rund eine Milliarde Dollar, setzt sich aus den Ersparnissen der KreditnehmerInnen zusammen. „Diese Koppelung von Kredit und Sparen ist wichtig“, so Yunus. „Auch wenn es bei manchen Frauen nur ein Cent pro Woche ist, aber allmählich sammelt sich Geld an und dafür gibt es natürlich auch Zinsen, aktuell zwischen 8,5 und 12,5 Prozent.“ 

Es geht um mehr als kleine Kredite

Dass die Grameen Bank mehr ist als ein Geldinstitut, machte Muhammad Yunus an einigen Beispielen deutlich. „Wir haben Familien motiviert, Gemüsegärten anzulegen. Durch die verbesserte Ernährung ist die durch Vitamin-A-Mangel bedingte Nachtblindheit bei Kindern deutlich zurückgegangen.“ Unterstützt wird der Eigenanbau durch eine Grameen-Organisation, die preisgünstig hochwertiges Saatgut verkauft. 

Eine andere Aktivität ist der Verkauf von einfachen Solarsystemen, die in Raten bezahlt werden können. Bisher wurde eine Million solcher Anlagen verkauft, im Jahr 2012 könnte die Zahl auf zwei Millionen steigen. Für ein Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung ohne Strom leben müssen, bedeutet das einen großen Fortschritt, und umweltfreundlich ist die Aktion obendrein.

Von besonders großer Bedeutung ist für Yunus die Förderung von Bildung und Ausbildung. „Die Grameen Bank hat von Anfang an alle Kreditnehmerinnen aufgefordert, ihre Kinder zur Schule zu schicken.“ Heute gehen an die hundert Prozent der Kinder in die Schule. 

Um möglichst vielen den Besuch von weiterführenden Schulen und Universitäten zu ermöglichen, werden zinslose Bildungskredite vergeben, die erst nach Beendigung der Ausbildung zurückgezahlt werden müssen. „Durch diese Kredite konnten inzwischen über 52.000 junge Menschen studieren. Mikrokredite können nicht innerhalb kurzer Zeit die Armut beseitigen, aber die Lebensqualität für die zweite Generation verändert sich enorm.“


350 TeilnehmerInnen besuchten die Veranstaltung mit Prof. Yunus

Mikrofinanz ist nicht vereinbar mit hohem Profit 

Die Arbeitsweise der Grameen Bank wurde inzwischen tausendfach kopiert und auch „das Original“ ist in einer Reihe von Ländern tätig. Mit sichtlichem Vergnügen berichtete Muhammad Yunus über Grameen-Filialen in den USA, darunter mehrere in New York City, die ausgerechnet im Finanzkrisenjahr 2008 eröffnet wurden.

Der Erfolg und die weltweite Verbreitung des Mikrofinanzwesens haben jedoch auch ihre Schattenseiten. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Mikrokredit“ für manches genutzt, was mit der ursprünglichen Idee wenig zu tun hat. Yunus erzählte von einer Konferenz in Moskau, bei der ihm kürzlich vorgehalten wurde, dass in Russland für Mikrokredite bis zu 2000 Prozent Zinsen verlangt würden. „Ich erfuhr dann, dass manche Wucherer sich Mikrokreditverleiher nennen. Diese Praktiken sind natürlich schockierend, aber ich bin nicht verantwortlich für alles, was sich Mikrofinanz nennt.“

Hauptursache für solche Zinsexzesse oder auch die Missstände im indischen Andra Pradesh, die im letzten Jahr bekannt wurden, ist nach Yunus’ Einschätzung die Profitgier: „Ein bescheidener Gewinn ist in Ordnung. Aber ‘Geldmachen’ ist mit dem Mikrofinanz-Gedanken nicht vereinbar. Es geht nicht darum, dass Arme für Reiche einen Gewinn erwirtschaften, sondern dass sie ihre Probleme lösen können.“ 

Um das zu sichern, seien Regulierungseinrichtungen und Zinsdeckelungen notwendig, denn die Selbstregulierung funktioniere oft nicht. In Bangladesch wurde deshalb eine spezielle Regulierungsstelle für Mikrofinanzinstitutionen gegründet, mit Personal, das über Erfahrungen in dieser Branche verfügt. 

Sehr wichtig ist nach Einschätzung von Muhammad Yunus auch, dass Mikrokredite grundsätzlich in der Landeswährung ausgezahlt werden. Ausländische Investoren sollten durch Wechselkursschwankungen entstehende Risiken übernehmen. „Ich zumindest würde dieses Risiko nicht einer armen Kreditnehmerin aufbürden.“ 

Die Finanzkrise ist ein Weckruf

Muhammad Yunus äußerte sich auch zur aktuellen Finanzkrise und zur Finanzwirtschaft allgemein: „Dem Finanzsystem geht es nicht um Bedürfnisse der Menschen. Die Menschen werden zu Geldmaschinen gemacht, die immer mehr Gewinn erwirtschaften sollen und wollen.“ Aus dieser Haltung resultiert für Muhammad Yunus nicht nur die Armut von Milliarden Menschen, sondern auch die Gefährdung von natürlichen Ressourcen und der Klimawandel mit seinen fatalen Folgen. 

Die aktuelle Finanzkrise sieht er als Chance für eine neue, eine soziale Ausrichtung. „Die Finanzkrise 2008 war ein Weckruf für die Menschheit, aber die Menschen sind wieder eingeschlafen. Angesichts der jetzigen Krise kann ich allen nur raten: Bitte schlafen Sie nicht wieder ein! Denn dann wird es noch viel schlimmer." 

Yunus im Originalton

Auszüge aus der Rede von Muhammad Yunus können Sie in unserem Podcast hören.

 

  Yunus und die Grameen Bank


 Muhammad Yunus, Professor der Wirtschaftswissenschaften,        gründete 1983 in Bangladesch die Grameen Bank. Im Jahr 2006
 wurden er und die Grameen Bank für ihr Engagement in der Mikro-  finanz mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Im Sommer 2011  musste Yunus, auf Druck der Regierung von Bangladesch, seinen  Posten als Geschäftsführer der Grameen Bank aufgeben. Er sei mit    seinen 70 Jahren zu alt für den Posten, war die Forderung begründet  worden. Die ebenfalls von der Regierung erhobenen Vorwürfe, die 
 Grameen  Bank habe Entwicklungsgelder veruntreut, hatten sich
 zuvor als falsch erwiesen.

  Mikrofinanzplattform Deutschland


 Die Mikrofinanzplattform Deutschland ist ein Zusammenschluss
 von Institutionen, die im Bereich der Mikrofinanz und  Finanzsektorentwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern  arbeiten. Mehr Informationen: www.mikrofinanzwiki.de

 

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