INTERVIEW: Wachstum in schwierigen Zeiten
21-06-2010
Interview mit Tor G. Gull, Oikocredit-Geschäftsführer
In den Medien hören wir immer mehr über die Mikrofinanzierung. Nicht nur Positives, sondern auch kritische Äußerungen zu Überschuldung und hohen Zinsen. Wie steht Oikocredit dazu?
Wir freuen uns, dass diese Probleme öffentlich diskutiert werden. Nur so wird die Branche etwas ändern. Die Mikrofinanzbranche ist relativ jung und sehr schnell gewachsen. Sie muss kontrolliert werden, und konstruktive Kritik hilft dabei.
Es ist völlig klar: Kredite sind für viele Menschen ein Sprungbrett aus der Armut - aber das funktioniert nur, solange die Rückzahlung möglich ist. Wenn die Rückzahlung für KreditkundInnen wegen hoher Zinsen oder aufgrund von Mehrfachkrediten zu einer unerträglichen Belastung wird, droht die Überschuldung. Das hat verheerende Folgen für den einzelnen Menschen und die Tragfähigkeit der Branche und beeinträchtigt auch deren sozialen Auftrag. Wir wollen nicht, dass MFI und ihre Kundschaft in diese Falle gehen.
Wie kann Oikocredit sicher sein, dass ihre Partner ihrem sozialen Auftrag gemäß handeln?
Bewertung und Überwachung sind für den finanziellen und sozialen Erfolg unserer Projekte unabdingbar. Wir fördern bei unseren Geschäftspartnern den Einsatz von Instrumenten, die zu mehr Transparenz bei den Zinssätzen beitragen. Außerdem unterstützen wir eine stärkere Überwachung der Kundschaft, um Überschuldung zu verhindern. Seit 2008 arbeiten wir mit sozialen Leistungsindikatoren, einem Prüfungsinstrument, das ähnlich funktioniert wie ein Finanz-Audit. Dabei werden die Absichten und Tätigkeiten einer Organisation bewertet und ihre soziale Leistungsfähigkeit überprüft.
Die Ergebnisse zeigen, ob ein Geschäftspartner die gewünschte Zielgruppe erreicht und ob seine Verfahren, Produkte und Dienstleistungen seinem Auftrag entsprechen. Viele unserer MFI nutzen dieses Instrument, um zu ermitteln, inwieweit sie ihre Ziele erreichen. In diesem Jahr plant Oikocredit, sich in diesem Bereich noch stärker zu engagieren - u.a. mit Schulungsprogrammen zum sozialen Wirkungsmanagement bei unseren Partnern.
Was tut Oikocredit, um die Transparenz der Branche zu erhöhen?
Im vergangenen Jahr wurde die interne Struktur von Oikocredit geändert und eine neue Abteilung für soziales Wirkungsmanagement eingerichtet, um sicherzustellen, dass dieses Thema auf allen Organisationsebenen die notwendige Aufmerksamkeit erhält. Diese Abteilung initiiert und fördert soziale Wirkungsanalysen in der Branche auch durch Zusammenarbeit mit anderen Mikrofinanz-Investoren. Oikocredit spielt eine aktive Rolle in vielen branchenweiten Initiativen, die Transparenz fördern und dafür sorgen, dass die Mikrofinanzbranche ihrem sozialen Auftrag treu bleibt. Wir gehörten 2008 zu den ersten Unterstützern der Initiative MFTransparency. Das zeigt, dass es uns wichtig ist, die Kommunikation zwischen Oikocredit und unseren Kunden (MFI) transparenter zu machen. Dies wird dazu beitragen, dass die Kosten von Finanzdienstleistungen für arme Menschen für die KundInnen der Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, klar und fair sind. Außerdem gehören wir zu den Unterzeichnern der Kundenschutzstrategie, die kohärente Verfahren und Strategien für die gesamte Branche schaffen soll. Mit diesen Instrumenten können wir Preisgestaltung, Glaubwürdigkeit und Fortschritte bei der Armutsbekämpfung - unser Hauptziel in der Mikrofinanzierung - besser kontrollieren.
Können Oikocredit-AnlegerInnen sicher sein, dass ihr Geld die richtigen Menschen erreicht?
Unsere AnlegerInnen können sicher sein, dass mit ihrem Geld kein Schuldenberg für arme Menschen produziert wird und dass es nicht an Organisationen geht, die Wucherzinsen verlangen. Oikocredit hält es für ihre Pflicht, die AnlegerInnen entsprechend zu informieren. Fragen der sozialen Wirkungsanalyse stehen ganz oben auf unserer Tagesordnung, und wir wollen unsere AnlegerInnen vorausschauend über die Stärken unserer Branche, aber auch über unsere Schwierigkeiten informieren.
Wie sehen die Zukunftspläne aus?
Wir setzen mehr Mittel in Afrika ein und planen, auf diesem Kontinent weitere Geschäftsstellen zu eröffnen. Im Bereich der sozialen Wirkungsanalyse führen wir derzeit ein Verfahren zur Überprüfung neuer Partner ein, mit dem auch untersucht wird, wie sie mit ihrer Kundschaft umgehen. Bewertungskriterien sind dabei Umweltverträglichkeit, soziale Wirksamkeit und Leitungsstrukturen. Außerdem arbeiten wir weiterhin an der Einführung unserer Kundenprüfungsinstrumente bei unseren Partnern und behalten die - positiven und negativen - Entwicklungen unserer Branche im Auge.

