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Verantwortungsbewusster Umgang mit Mikrofinanz bei Oikocredit


Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit vergibt den größten Teil ihrer Darlehen im Mikrofinanzbereich. Kleinstkredite leisten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände von armen Menschen. Sie ermöglichen es ihnen, aktiver am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, zum Beispiel durch den Auf- oder Ausbau von Kleinstunternehmen. Für die Wirksamkeit von Mikrokrediten ist es wichtig, dass sie durch weitere Angebote ergänzt werden, zum Beispiel Fortbildungen, Sparmöglichkeiten oder Versicherungen. Mikrokredite sind „in“, aber es mehrt sich auch Kritik: Von Profit auf Kosten der Armen und Schuldenfalle ist die Rede. Wie kann Oikocredit einen unfairen Umgang mit KreditnehmerInnen verhindern?

Eine sorgfältige Auswahl durch ExpertInnen vor Ort
Oikocredit unterhält ein Netzwerk von 36 Regional- und Länderbüros, die bei der Kreditvergabe und –betreuung eine zentrale Rolle spielen. Für die soziale Wirksamkeit der Kredite ist es entscheidend, kontinuierliche persönlichen Kontakte zu den Partnerorganisationen zu pflegen. Dies tun bei Oikocredit einheimische ExpertInnen, die mit ihren jeweiligen Regionen sehr gut vertraut sind. Sie wählen die Mikrofinanzpartner sorgfältig aus und betreuen sie während der gesamten Kreditlaufzeit. Mit verschiedenen Methoden (s. Kasten unten) bewerten unsere MitarbeiterInnen, ob die Angebote der Partner zur Armutsbekämpfung beitragen und positive soziale Wirkungen haben. Oikocredit achtet darauf, nur Mikrofinanzpartner mit sozialen Zielen auszuwählen. Der Fokus liegt dabei auf kleineren und mittelgroßen Organisationen. Zwei Drittel davon sind Genossenschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs).

Maßnahmen zum Schutz der KreditnehmerInnen
Um die Überschuldung von MikrokreditnehmerInnen zu verhindern, stellt Oikocredit Anforderungen an die Mikrofinanzinstitutionen. Sie müssen ihre KundInnen transparent und verständlich über die Kreditbedingungen und –konditionen informieren und klären, ob die AntragstellerInnen in der Lage sind, die Mikrokredite zurückzuzahlen. All dies und weitere Maßnahmen zum Schutz der KreditnehmerInnen sind in den Kundenschutzrichtlinien der Smart Campaign festgehalten. Oikocredit verlangt die Einhaltung dieser Richtlinien von seinen Mikrofinanzpartnern und hält dies in allen neuen Kreditverträgen fest. Sollte eine Mikrofinanz-Partnerorganisation gegen die Regeln verstoßen, kann Oikocredit die Zusammenarbeit auflösen. Wir stellen aber nicht nur Forderungen, sondern schulen unsere Partner auch in Strategien und Instrumenten der sozialen Mikrofinanz (s. Kasten).

Ein großer Aufwand für einen kleinen Kredit
Die Höhe der Zinsen, die für Mikrokredite erhoben werden, erscheint gemessen an den Zinshöhen hierzulande sehr hoch. In Indien, wo Oikocredit viele Finanzierungen vergeben hat, ist beispielsweise der Zinssatz auf 26 Prozent per annum gedeckelt. Oikocredit begrüßt eine solche Regulierung, da sie hilft, das Profitstreben einiger Akteure auf dem Mikrofinanzmarkt einzudämmen.

Tatsache ist, dass die Vergabe von Kleinkrediten sehr teuer ist. Zu Buche schlagen hier beispielsweise die Schulungen der KreditnehmerInnen, aber auch die hohen Personal- und Transportkosten, denn die MitarbeiterInnen der Mikrofinanzinstitutionen legen teilweise sehr weite Wege zurück, um die Rückzahlungen der Kredite wöchentlich oder monatlich einzusammeln. Außerdem ist der personelle und administrative Aufwand für beispielsweise 100 Mikrokredite in Höhe von 100 Euro um ein Vielfaches höher, als für die Vergabe eines Einzelkredits mit der gleichen Gesamtsumme von 10.000 Euro.

Ein wesentlicher Kostenfaktor, der sich ebenfalls auf die Zinshöhe auswirkt, sind die Finanzierungskosten für die Mikrofinanzorganisationen. Diese nehmen selbst Darlehen auf, um Mikrokredite vergeben zu können. In Indien refinanzieren sich die Mikrofinanzinstitutionen beispielsweise mit ca. 14% Zinsen pro Jahr auf die aufgenommenen Darlehen. Dieses Beispiel zeigt, dass das Zinsniveau in Entwicklungsländern u.a. aufgrund der hohen lokalen Inflationsraten allgemein viel höher ist als in Europa.

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass Mikrokredite in der Regel kurze Laufzeiten haben: Diese liegen zwischen drei und 12 Monaten. Aus unserer eigenen Erfahrung und verschiedenen wissenschaftlichen Studien wissen wir, dass KreditnehmerInnen mit ihren Kleinstunternehmen auf das eingesetzte Kapital hohe Erträge erwirtschaften und dadurch in der Lage sind, die Kreditsumme und die anfallenden Zinsen zurückzuzahlen. Als einzige Alternative zum Kleinkredit bleibt armen Menschen, die keine Sicherheiten haben und als „nicht bank-fähig“ gelten, nur der Geldverleih bei Bekannten oder informellen Geldverleihern („Kredithaien“), die sehr viel höhere Zinsen verlangen als Mikrofinanzinstitutionen.

Zinsen können durch Kosteneffizienz bei den Mikrofinanzinstitutionen, Darlehen in lokaler Währung und Markttransparenz gesenkt werden. Oikocredit setzt sich aktiv für Initiativen in diesen Bereichen ein und war beispielsweise an der Gründung von MFTransparency beteiligt. Diese Organisation untersucht und veröffentlicht die Effektivzinssätze von Mikrokrediten. Dadurch wird ein Vergleich unter Mikrofinanzorganisationen möglich, der oft zu Senkungen von Zinssätzen führt. MFTransparency berät außerdem Regierungen darin, wie Regulierungen für faire Zinssätze aussehen müssen.

Fehlentwicklungen entgegenwirken
Einige Mikrofinanzinsitutionen sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Dabei ist es vorgekommen, dass die Institutionen die Rückzahlungskapazität ihrer (potenziellen) KundInnen nicht ausreichend überprüft und diese sich überschuldet haben.

Es gab auch Berichte von Fällen, in denen KleinkreditnehmerInnen aufgrund von persönlichen Schicksalsschlägen wie Krankheit, durch Naturkatastrophen oder Missernten ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten. Mikrofinanzinstitutionen, die das Ziel der Armutsbekämpfung ernst nehmen, sind in diesen Fällen bereit, weiter mit den betroffenen Gruppen und KreditnehmerInnen zusammenzuarbeiten und wenn nötig, die Konditionen eines Darlehens anzupassen. Wichtige Instrumente zur Absicherung für KreditnehmerInnen sind außerdem Mikroversicherungen und Sparmöglichkeiten. Unsere Mikrofinanzpartner erreichen 29 Millionen KreditnehmerInnen und knapp 10 Millionen SparerInnen, die freiwillig sparen.

Ein sozialer Investor
Oikocredit hat schon im November 2009 in einer Pressemitteilung auf die Überschuldungsproblematik hingewiesen und gemeinsam mit ihren Partnern Maßnahmen ergriffen. Sozial verantwortungsvolles Handeln fordert Oikocredit auch von sich selbst. Wir unterzogen uns 2010 einem Rating durch Micro-Credit Ratings International Ltd, bei dem wir nach finanziellen und sozialen Kriterien sehr positiv bewertet wurden. Eine weitere Anerkennung war der Ende 2010 von der Consultative Group to Assist the Poor verliehene „ESG-Award“. Er würdigte, dass Umweltverträglichkeit, soziale Leistungsfähigkeit und verantwortungsvolle Unternehmensführung für Oikocredit zentrale Investitionskriterien sind. Gelobt wurde außerdem die transparente Berichterstattung gegenüber den AnlegerInnen.

Oikocredit-AnlegerInnen bescheiden sich mit einer Dividende von 2%, weil sie die soziale Mission von Oikocredit für wichtiger erachten als eine hohe finanzielle Rendite. Oikocredit strebt keine Profitmaximierung an, sondern verwendet Überschüsse, die nach Auszahlung der Dividende übrig sind, für Programme zur Schulung von Partnern und für einen Fonds, der Währungsrisiken ausgleicht. Dies ermöglicht es Oikocredit, zum Vorteil der Partner inzwischen mehr als die Hälfte der Darlehen in lokaler Währung zu vergeben. Außerdem baut Oikocredit aus Gründen der Liquiditätssicherung und des Risikomanagements eigene Rücklagen auf. Diese sind nach ethischen Kriterien  angelegt. 

Weitere Informationen finden Sie in der Rubrik Fragen und Antworten. Hier können sie diesen Artikel als PDF abrufen.

 

 
  Soziale Wirkung stärken

  Oikocredit überprüft systematisch die sozialen Auswirkungen der
  eigenen Arbeit und der ihrer Partner und engagiert sich in
  branchenweiten Initiativen für Fairness in der Mikrofinanzierung.

  • Oikocredit hat eine „Score Card“ entwickelt, die potenzielle Mikrofinanz-Partner in den Bereichen Soziales, Umwelt und verantwortungsbewusste Unternehmensführung bewertet. Damit
    kann Oikocredit einschätzen, ob die Organisation als Partner in Frage kommt.
  • Viele unserer Mikrofinanz-Partner unterziehen sich einem „Social Audit“, das aufzeigt, wie sie ihre soziale Wirksamkeit weiter verbessern können.
  • Wir schulen unsere Mikrofinanz-Partner in der Verwendung des „Progress out of Poverty Index“. Damit können sie erfassen, ob
    und in welchem Maß sich die Lebensverhältnisse ihrer KundInnen verbessern. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Oikocredit-Partners Paginupdanay auf den Philippinen. Die Mikrofinanzinstitution befragte mit dieser Methodik mehr als die Hälfte ihrer Kunden. Von den 9.895 Kunden, die 2009 unter der Armutsgrenze lebten und 2010 noch Kunden waren, konnten 665 innerhalb eines Jahres ihr Einkommen verbessern und über die nationale Armutsgrenze kommen.  
  • Wir unterstützen unsere Partner durch Fachleute, die sie zur
    sozial verantwortungsvollen Unternehmensführung und zu Wirkungsanalysen beraten.
  • Oikocredit ist Gründungsmitglied der Initiative MFTransparency und gehört zu den Erstunterzeichnern der UN-Richtlinien „Principles for Investors in Inclusive Finance". Mit der Unterzeichnung verpflichten sich die Investoren zur fairen Behandlung und zum Schutz von MikrofinanzkundInnen.

 

Zahlen und Fakten

  • 508 Millionen € Kreditportfolio
  • 878 Partner insgesamt
  • über 26 Millionen von den Mikrofinanzpartnern erreichte KundInnen

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